Martti Rytkönen

Er spricht mit beindruckender Wärme in seiner Stimme über die Kälte.

Über das nördlich gelegene Karelen in Finnland, genau an der Grenze zu Russland. Von dort kann er das Wasser in allen Himmelsrichtungen sehen und somit das glitzernde Eis in den Wintermonaten. Hier wird Martti Rytkönen durch die Reinheit und Klarheit verzaubert, durch glänzende Oberflächen und Durchsichtigkeit.

Orrefors Kosta Boda 2014

Eine seiner Skulpturen ist ein massiver Kristall-Würfel, welcher elegant auf einer der Ecken balanciert. Exakt platzierte Schnitte in dem Glas geben dem Objekt endlose Variationen und Reflektionen aus verschiedenen Blickwinkeln.

Das ist der Grund, dass es Angel (Engel) genannt wird. Einfach und klar. Es könnte aus Eis gemacht sein. Martti Rytkönen ist ganz klar ein Meister des Glases. Wenn er Farben benutzt sind diese durchsichtig.

Die Glasarbeiter versammeln sich um ihn in der Glashütte. Martti zeichnet enthusiastisch.

Der Kunsthandwerker möchte dem Entwurf einen Körper verleihen. Nicht nur dreidimensional, sondern lieber vierdimensional. Wenn das fertige Kristall poliert wird oder einen Eisblumeneffekt erhält, kommt eine vierte Dimension zum Vorschein.

Es ist eine lange Reise von Karelen, Finnland zu Kosta Boda in Småland.

Marttis eigene Reise war deutlich länger.

Im Jahr 1968 befindet er sich in der Dorfschule in Llomantsi. Er ist 7 Jahre alt und unruhig. Er will raus. Raus zum Fischen. Er möchte mit seiner Angelrute in der Stille sitzen. Er will nicht im Klassenzimmer sitzen und sein Heft mit Zahlen füllen.

„Eine Eins war für mich am schwersten zu schreiben“, erinnert sich Martti. „Ich könnte die Zahl einfach nicht gerade machen. Warum musste es gerade sein? Ich dachte nach. Konnte diese sich nicht in einige andere Richtungen biegen?“

Die große Ungestörtheit

In Zeichnen und Musik ist er der Beste. Sprachen eigentlich auch. Seine Familie lebt in einem Haus, aus welchem man das Wasser in allen Himmelrichtungen sehen kann. Es ist so, als ob man auf einer Insel wohnt. Da ist so viel Wasser herum und oft kann er die Regenbogen sehen, welche sich über den See erheben. Er bewundert die Farben des Regenbogens.

Dort draußen befindet sich für Martti die richtige Welt. He spricht über die große Ungestörtheit, welche er sich bereitwillig sucht und er wird demütig im Anblick der Herrlichkeit von Mutter Natur.

„Ich muss oft in diese Abgeschiedenheit und Ungestörtheit begeben“, sagt er.

Jetzt steht Martti mit seinen Kollegen in der Hitze der Werkstatt. Sie machen Farbproben für Oval, eine Vase an welcher Martti gerade arbeitet.

Klares Glas und mit transparenten Farben in Lila und Grün. Allerdings ist er mit dem Farbton nicht zufrieden. Sie fangen noch einmal von vorne an.

Es ist sehr wichtig, dass die Kommunikation in der Werkstatt stimmt. Wenn diese nicht stimmt, dann helfen gute Entwürfe wenig. Am Anfang war es schwer. Als er vor 20 Jahren nach Orrefors kam konnte er natürlich fließend schwedisch sprechen, aber die Sprache in Småland schien irgendwie von einem anderen Planeten zu kommen.

„Sie brüllten mich an und ich sagte: Was? Jemand anderes brüllte und ich sagte: Was?“

In der Glaswerkstatt dachten sie nicht, dass er Schwedisch gut verstand, somit fingen sie an, mit ihm lauter, langsamer und in einer vereinfachten Sprache zu sprechen. Natürlich beherrschte er den Småland Dialekt auch bald.

Zurück nach Karelen, ins Jahr 1967. Martti ist der zweitjüngste von sieben Kindern. Sein Vater ist ein Holzfäller und Floßführer. Seine Mutter schaut nach dem Heim und den Kindern. Sie haben eine Kuh, einen Hund, eine Katze und bauen eigene Kartoffeln und Gemüse an. Sie pflücken Pilze und Beeren in den Wäldern und sie fischen. Mutters Fischsuppe ist ein Hit.

„Mmmhhh, Karelian Pasteten mit Kartoffeln gefüllt! Kurz angebratene Maräne! Haben Sie diese Dinge schon mal probiert? Mmmhhh, es schmeckt so gut!“

Martti scheint in die Welt der kulinarischen Genüsse einzutauchen.

„Rufous Butterpilze mit gebratenen Pilzen. Warum werden diese nicht in Schweden gegessen? „

Er lässt einfach die Tatsache unter den Tisch fallen, dass diese als giftig eingestuft sind. Es ist halt nur wichtig, dass diese nur halb durchgekocht werden.

Den Tod unter den Skiern

Ilomastsi bedeutet The happy village (das fröhliche Dorf). Der Winter in Karelen kann jedoch sehr lang und bitterkalt sein. Er weiß, wie Schnee aussieht, wenn die Temperaturen runter auf klirrende – 30 Grad gehen und jeder Atemzug wehtut.

„Es glitzert!“

Martti, der Sachen immer im Stillen wahrnimmt, erkennt, dass der Glitzer in verschiedenen Farben schimmert.

Um die Wärme in der Hütte konstant halten zu können, schaufelten sie Schneeberge gegen die Außenwände der Hütte. Eiskristalle in magischen Formen fangen an, an den Fenstern zu entstehen.

Wie können sie, diese wunderschönen Muster produzieren?

Mitten in der Nacht, wenn der Vollmond scheint, nehmen sie manchmal ihre Ski und gleiten über den See. Für Martti sind diese Nächte mit Magie gefüllt.

Allerdings ist es manchmal so gruselig, dass sich einem die Nackenhaare aufstellen.

Der Tod liegt in dem gefrorenen See unter ihren Skiern. Russische Soldaten, welche während des Zweiten Weltkrieges dort, in Ilomantsi, gestoppt worden sind. Ihre Geister scheinen anwesend zu sein. Es gibt auch Leute, die behaupten, dass sie nachts einen Mann mit Pferd und Kutsche in den Wäldern gesehen haben. Legenden, Anekdoten, Regenbogen und Eis. Heulende Wölfe und Eiskristalle.

Muster an den Fenstersprossen, Glitzer vom Schnee und alles andere was er genauer untersucht sind die neugierigen Grundlagen für seine Glasarbeit bilden. Er ist sich nicht sicher. Er nimmt einfach die Welt als Grundlage.

Martti packt alles ein, bevor er Karelen verlässt, um nach Schweden zu gehen, so er im Gesundheitswesen arbeitet. Eventuell wird er die Geschichten zum Leben erwecken. Er wird das Eis zum Brennen bringen, die Kristalle einfangen und wird den Regenbogen dazu bringen in den Glaswerkstätten von Orrefors zu tanzen.

Nicht einmal in seinen kühnsten Träumen hatte er, der Sohn eines einfachen Floßführers, sich vorgestellt, ein erfolgreicher Glaskünstler oder Designer zu werden.

An den Abenden besuchte er einen Töpferkurs an einer Schule für Erwachsenbildung und entdeckte dabei die Freude an Form und Gestaltung.

Eines Tages fällt ihm ein altes Stück Papier aus seiner Jackentasche. Es ist eine Annonce für ein Künstler Programm an der Volkshochschule in Kykerud, Värmland (liegt an der Westküste Schwedens, in der Nähe von Oslo, Norwegen).

Natürlich. Warum nicht ausprobieren. Er bewirbt sich und wird aufgenommen.

Vor Glück überlaufen

Zwei Jahre lang entwickelt er seine Malerei und arbeitet meistens mit Keramik. Danach bewirbt es sich für ein Keramik- und Glasprogramm, welches an der Konstfack angeboten wird. Er hat jedoch große Zweifel an seinen Fähigkeiten.

„Ich war nicht einmal in der Lage die Anträge für Anmeldung abzuholen. Es fühlte sich so bedeutungslos an. Ein Freund drängte mich dann, die Anmeldeunterlagen zu holen.“

Er wurde aufgenommen. Die Ausbildung beinhaltete ein kurzes Praktikum in den Orresforser Glaswerkstätten. Dort verliebte sich Martti in seine Arbeit.

„Das Glas zog mich in seinen Bann. Es ist das Licht. Wie es sich bricht und reflektiert. Es lebt sein eigenes Leben. Man kann es nicht vollständig kontrollieren. Denk an Glas mit Blasen drinnen! Sie stehen dort seit tausenden von Jahren. Selbe Luft! Vielleicht sind auch Stimmen in den Blasen eingeschlossen, welche eines Tages befreit werden können?“

In Orrefors kann Martti seine Geschichten umsetzen. Seine These ist eine große Servierplatte aus klarem Glas; „En dag i Hagaparken“ (ein Tag im Haga-Park), in welche er Tagebuch-Eintragungen eingraviert.

Mit dieser Platte gewinnt er einen Wettbewerb und erhält ein Stipendium.

Als er seine Abschluss-Ausstellung hat, wird ihm angeboten, weiterhin bei Orrefors zu arbeiten.

„Was für ein großartiger Job! Ich konnte es einfach nicht glauben! Alle Anspannung war weg. Der Druck sich einen Namen zu machen.“

Nun steht er plötzlich mitten in der Glaswerkstatt und ist nun ein Kollege, der gut bekannten Kunstglaskünstler, welche er zuvor bewundert hat.

Seine erste Produktion ist ein kleiner Gruß an Karelen. Die Volfie Serie mit eingeätzten Wölfen.

Kurze Zeit später bricht er zu einer Autogramm-Tour in die USA auf. Martti ist stolz. Er ruft zu Hause an und berichtet, wie es in Beverley Hills ist.

Mutters erste Frage ist: „Hast du gegessen?“

Kosta 2014

Die Farbproben scheinen nur auf dem richtigen Weg zu sein. Das Glas muss jedoch abgekühlt werden, um es richtig zu sehen.

Martti ist mit Glück erfüllt, überglücklich und aufgedreht nach den langen Stunden in der Werkstatt. Er tanzt ein wenig im gepflasterten Garten.

„Oh, es macht so viel Spaß! Ich scheine vor Glück überzulaufen!“

Er trägt immer seine Entwürfe mit sich herum. Die Natur ist voll auf Eindrücken, welche in Glas festgehalten werden können.

Es gibt Träume, die er verwirklichen möchte. Einer davon ist der Wunsch eine große Glas-Skulptur an einem geheimen Platz im Wald zu platzieren. Vielleicht einen riesigen Engel? Auf einer Lichtung, wo das Licht plötzlich durch die Zweige hervortritt und die Skulptur zum Leben erweckt.

Machtvoll und genial. Geschaffen aus purem Glas. Es gibt Moos und ein wenig Feuchtigkeit. Nebel. Die Glücklichen, die es sehen dürfen, sollen sich auserwählt und geehrt fühlen, voll mit Klarheit und Licht.

In der großen Ungestörtheit.

By Eva-Pia Worland (translated by Kosta Boda Art Gallery)